Der World Energy Outlook hält der Klimapolitik den Spiegel vor

Camille Reynaud
Climate Intelligence
22. Oktober 2021

Letzte Woche hat die Internationale Energieagentur den World Energy Outlook veröffentlicht. Er ist der wichtigste Leitfaden für internationale Energiepolitik und damit auch für Klimapolitik. Der Report kommt zum ernüchternden Schluss, dass die derzeitigen Zielsetzungen, Pläne und Investitionen bei weitem nicht ausreichen, um das 1,5°C Ziel des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. Die IEA fordert die Regierungen auf, die bevorstehende Klimakonferenz COP26 zu nutzen, um mit konkreten politischen Plänen ein „unmissverständliches Signal“ zu senden.

Ihr könnt natürlich den ganzen 386-seitigen Bericht hier lesen. Um euch etwas Zeit zu sparen, haben wir euch in diesem Blogbeitrag #supersimple alles zusammengefasst, was ihr über die Internationale Energieagentur, den World Energy Outlook und die Energiewende wissen müsst. Wir sagen euch auch warum es wichtig ist, die Energiewende zu schaffen und wie ihr konkret dazu beitragen könnt.

 

Was ist die IEA?

Die Internationale Energieagentur (IEA) ist eine autonome zwischenstaatliche Organisation im Rahmen der OECD, die mit Regierungen und der Industrie zusammenarbeitet, um eine sichere und nachhaltige Energiezukunft für alle zu gewährleisten.

Die IEA wurde in Folge der Ölkrise von 1973 gegründet und konzentrierte sich zunächst darauf, auf Engpässe in der Ölversorgung zu reagieren und Statistiken über die Öl- und Energiemärkte bereitzustellen. Heute ist sie vor allem für ihre wichtigste jährliche Publikation, den World Energy Outlook, bekannt.

Was ist der World Energy Outlook?

Der World Energy Outlook (WEO) ist die weltweit renommierteste und relevanteste Analyse im Bezug auf Energie und wird seit 1998 jedes Jahr veröffentlicht. Er enthält umfangreiche wissenschaftliche Daten und Analysen zu Szenarien der globalen Energieproduktion und -nutzung, sowie deren Auswirkungen auf die Energiesicherheit, die wirtschaftliche Entwicklung und: die Klimaziele.

Die diesjährige Ausgabe wurde ganz speziell als Leitfaden für die Staats- und Regierungschefs konzipiert, die in zehn Tagen an der UN Klimakonferenz COP26 in Glasgow teilnehmen.

Warum ist der World Energy Outlook wichtig?

Der Bericht ist wichtig, weil er feststellt ob wir auf dem richtigen Weg sind, die Energiewirtschaft zu dekarbonisieren und damit die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. Dazu vergleicht der WEO vier verschiedene Szenarien der CO2-Emissionen im Laufe der Zeit:

  1. STEPS: Szenario auf Basis der tatsächlichen Maßnahmen der Regierungen
  2. APS: Szenario auf Grundlage der angekündigten Zusagen (Announced Climate Pledges)
  3. SDS: Szenario „deutlich unter 2°C“ mit Net-Zero-Emissionen aller Länder bis 2070
  4. NZE: Szenario mit Net-Zero-Emissionen bis 2050

 

Figure 1: World Energy Outlook 2021 (IEA)

Sind wir also „on track“ das 1,5°C-Ziel des Pariser Klimabokommens zu erreichen?

Die kurze Anwort: Nein!

Das folgende Diagramm zeigt den vorhergesagten durchschnittlichen Anstieg der globalen Temperatur im Laufe der Zeit unter den oben genannten Szenarien:

 

Figure 2: World Energy Outlook 2021 (IEA)

Es versteht sich von selbst, dass wir mit „business as usual“ dem Klimawandel nicht Herr werden (das STEPS Szenario). Aber es wird auch deutlich, dass die Klimaziele noch nicht ehrgeizig genug sind, um die globale Erwärmung unter 1,5°C zu halten (das APS Szenario). Das heißt, dass wir – auch wenn wir die Ziele die sich die Staaten gesetzt haben erreichen – die Ziele des Pariser Klimaabkommens verfehlen werden, und es damit nicht schaffen „die globale Erwärmung auf deutlich unter 2°C, vorzugsweise auf 1,5°C, im Vergleich zum vorindustriellen Niveau zu begrenzen.“ Der WEO sagt voraus, dass die CO2 Emissionen bis 2050 um lediglich 40% sinken werden, wenn die Länder ihre Klimaziele einhalten. Das bedeutet, dass die derzeitigen Pläne zur Verringerung der weltweiten Kohlenstoffemissionen 60% hinter dem zurückbleiben, wozu sie sich in ihrem Net-Zero-Ziel für 2050 verpflichtet haben.

“Today’s climate pledges would result in only 20% of the emissions reductions by 2030 that are necessary to put the world on a path towards net zero by 2050”


Dr. Fatih Birol
Executive Director der Internationalen Energieagentur

 

Aber ist es wirklich so wichtig, dass wir die Ziele des Pariser Abkommens erreichen?

Ja, absolut!

Und die Energiewende ist dafür von grundlegender Bedeutung.

Was ist die Energiewende und warum ist sie wichtig?

Um das 1,5°C-Ziel zu erreichen und noch nie dagewesene Folgen der globalen Erwärmung zu vermeiden, müssen wir den globalen Energiesektor von fossilen Energieerzeugungs- und -verbrauchssystemen (Öl, Gas, Kohle) auf erneuerbare, kohlenstofffreie Energiequellen wie Wind und Solar umstellen. Diese Transformation wird gemeinhin als Energiewende bezeichnet.

Derzeit stammen ca. 73% der weltweiten Treibhausgasemissionen aus Energie:

Figure 3: Our World In Data – Emissions by Sector

Problematisch für das Klima ist, dass der Energiesektor auch heute noch überwiegend von fossilen Brennstoffen (Öl, Gas, Kohle) abhängig ist. Obwohl eines der 17 Sustainable Development Goals (SDGs) der UN darin besteht, erschwingliche und saubere Energie für alle Menschen bereitzustellen, wird nachwievor mehr als 80% der weltweit genutzten Energie mit fossilen Brennstoffen erzeugt. Bei der Verbrennung dieser fossilen Brennstoffe werden Treibhausgase freigesetzt, die in hohem Maße zur vom Menschen verursachten Erderwärmung beitragen. Und diese Erderwärmung muss gestoppt werden, um vermehrte Hitzewellen, Dürren, Stürme, das Schmelzen der Gletscher, den Anstieg des Meeresspiegels, und die Erwärmung der Ozeane zu verhindern, die letztendlich die Lebensgrundlagen der Menschen zerstören werden.

Wie können wir die Energiewende doch noch schaffen?

Die IEA kommt im World Energy Outlook zum Schluss, dass es vor allem drei Bereiche sind, die rasch in Angriff genommen werden müssen:

1.  Dekarbonisierung der Energieerzeugung

Im Jahr 2019 stammte nur ein Drittel des weltweit erzeugten Stroms aus einer kohlenstoffarmen Quelle (Erneuerbare Energien: Sonne, Wind, Wasserkraft, Wind- und Gezeitenkraft und etwas Biomasse; Kernenergie). Um bis 2050 Net-Zero-Emissionen zu erreichen, müssen sich die Länder verpflichten, diesen Anteil an sauberer Energieerzeugung zu erhöhen, indem sie Ziele festlegen und Innovationen (Batterien, Wasserstoff, usw.) fördern. So hat sich die Europäische Union beispielsweise verpflichtet, 40% ihres Stroms aus erneuerbaren Energien zu erzeugen, um die Ziele des europäischen Green Deal zu erreichen und die Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55% zu senken. Österreich ist hier einer der Vorreiter, denn hierzulande werden fast 80% des Stroms aus erneuerbaren Quellen erzeugt (vor allem aus Wasserkraft), und die Regierung hat sich verpflichtet, die Stromversorgung bis 2030 zu 100% auf erneuerbare Energien umzustellen.

 

2.  Saubere Elektrifizierung:

Die Elektrifizierung bezieht sich auf den Prozess der Ersetzung von Technologien, die fossile Brennstoffe verwenden, durch Technologien, die Elektrizität als Energiequelle nutzen. Zusammen mit einer saubereren Art der Stromerzeugung kann so die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen gesenkt werden. Beispiele für die Elektrifizierung sind die Umstellung auf Elektrofahrzeuge im Verkehrssektor oder die Verwendung von Wärmepumpen anstelle von Erdgasheizungen in Gebäuden.

 

3.  Verbesserung der Energieeffizienz:

Die Energieeffizienz bezieht sich auf die Energiemenge, die erforderlich ist, um einen bestimmten Nutzen zu erzielen, zum Beispiel die Beheizung eines Raums. Die IEA betont, dass eine Verbesserung der Energieeffizienz dringend notwendig ist, um den Energiebedarf zu senken und das Net-Zero-Emissionsziel zu erreichen.

Die IEA schätzt, dass sich die derzeitigen jährlichen Investitionen in saubere Energien allein im nächsten Jahrzehnt verdreifachen – und damit bis 2030 einen Wert von 4 Billionen USD erreichen – müssen, um das Ziel von Net-Zero Emissionen bis 2050 zu erreichen. Um das sicherzustellen, sind ein entschiedenes Vorgehen und Investitionen der öffentlichen Hand gefordert. Aber auch die Privatwirtschaft wird ihren Teil beitragen müssen. Denn die Energiewende muss nicht nur zu einer Verringerung der Treibhausgasemissionen führen, sondern auch dazu, dass alle Menschen Zugang zu Elektritzität erhalten, denn nachwievor haben mehr als 10% der Weltbevölkerung keinen Zugang zu Elektrizität, geschweige denn sauberer Elektrizität, wie von den SDGs der UN gefordert. Um das Projekt Energiewende zu stemmen sind daher umfangreiche Aktionspläne notwendig. Und genau damit wird man sich (auf Basis des World Energy Outlook) bei der Klimakonferenz COP26 in Glasgow beschäftigen. Die COP26 werden wir euch übrigens in einem Blogpost nächste Woche im Detail näherbringen.

Was kann dein Unternehmen zur Energiewende beitragen?

Wenn es dem Planeten nicht gut geht, wird es auch deinem Unternehmen auf lange Frist nicht gut gehen. Die gute Nachricht: Es gibt einige einfache und dennoch sehr wirkungsvolle Schritte die man setzen kann, um die Energiewende im eigenen Unternehmen voranzutreiben und ein Teil der Lösung zu werden. Außerdem kann man stolz darauf sein, zur Bewältigung der größten Herausforderung der Menschheit beigetragen zu haben.

Welche Maßnahmen könnt ihr also ergreifen um zur Energiewende beizutragen? Hier sind einige wirkungsvolle Vorschläge zu den im World Energy Outlook vorgeschlagenen Schwerpunktbereichen:

1.  An der Dekarbonisierung der Energieerzeugung mitwirken:
  • Auf Ökostrom wechseln: Wenn ihr noch keinen Ökostrom verwendet, dann ist der einfachste und wirkungsvollste Schritt, vom derzeitigen Stromanbieter zu einem Ökostromanbieter zu wechseln. Aber Vorsicht: Nicht jeder Ökostrom ist guter Ökostrom. Achte beim Wechsel darauf Strom, dass der Ökostrom UZ-46-zertifiziert ist!
  • Eigenen Ökostrom produzieren: Je nach Standort deines Unternehmens kann es sehr effizient sein, eigenen Strom zu produzieren. So kann man zum Beispiel eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Gebäudes anbringen oder eine eigene Kleinwindkraftanlage installieren. Solche Investitionen haben oft eine sehr kurze Amortisationszeit und sind daher nicht nur gut für’s Klima, sondern auch aus finanzieller Sicht absolut lohnenswert.

2.  Den Energiebedarf elektrifizieren:
  • Das Heizsystem wechseln: Wenn ihr mit einem auf fossilen Brennstoffen basierenden System heizt, dann solltet ihr euch den Umstieg auf ein elektrisches Heizsystem überlegen. Eine Umstellung des Heizsystems kann natürlich je nach Größe des Unternehmens bzw. des Gebäudes ein größeres Unterfangen sein. Daher gibt es auch verschiedene öffentliche Zuschüsse, die einen Teil der erforderlichen Investitionen abdecken und eine Umrüstung lohnenswert machen. Hier könnt ihr euch direkt über die „Raus aus Öl“-Förderungen informieren.
  • Umstellung des Fuhrparks auf Elektromobilität: Setzt auf E-Mobilität, wenn ein Fahrzeug beschafft werden muss. E-Autos sind mittlerweile nicht nur auf dem Weg in den Mainstream, sondern auch steuerlich sehr interessant. So kann in Österreich für jedes angeschaffte Elektrofahrzeug ein Zuschuss von bis zu € 5.000 geltend gemacht werden. Außerdem sind E-Autos nicht NoVA-pflichtig und es fällt keine motorbezogene Versicherungssteuer an. Falls ein Arbeitnehmer ein E-Auto des Arbeitgebers für private Zwecke nutzt, wird kein Sachbezug fällig und dem Arbeitgeber entstehen auch keine Lohnnebenkosten für den Sachbezug. Mehr über die österreichische Förderungen von Elektrofahrzeugen erfahrt ihr hier.

 3.  Die Energieeffizienz des Unternehmens verbessern:
  • Ein Energiemonitoring einführen: Installiert intelligente Sensoren oder Smart Meters um die Energieverbrauchsmuster der Geräte zu verstehen und Ineffizienzen zu erkennen. So könnt ihr herausfinden welche Geräte viel Energie verbrauchen und diese durch eine effizientere Alternative ersetzen.
  • Energie-Audit um die Infrastruktur zu optimieren: Wenn Gebäude schon etwas in die Jahre gekommen sind, dann kann es sinnvoll sein, einen Energie-Audit der Infrastruktur durchzuführen. So kann man feststellen, wie man den Energiebedarf optimieren und optimalerweise effizient senken kann. Zudem wird man aufmerksam auf Schwachstellen. Übliche Verdächtige hier sind oft die Wärmedämmung der Wände, Wärmelecks an Fenstern und dergleichen.

Ihr seht also: Es ist nicht sehr kompliziert zur Energiewende beizutragen, aber es zahlt sich absolut aus. Nicht nur für’s Klima.

Conclusio

Der World Energy Outlook 2021 zeichnet zwar kein gutes Bild vom aktuellen Stand der Energiewende und dem Weg, den wir eingeschlagen haben. Aber, und das ist sehr wichtig, er gibt aber auch klare Aussagen dazu, was getan werden sollte und welche finanziellen Investitionen erforderlich sind, um das 1,5°C Ziel des Pariser Klimaabkommens zu erreichen und den Planeten vor irreversiblen Entwicklungen zu bewahren. Der Weg ist kein leichter, aber er ist schaffbar, wenn wir gemeinsam rasch handeln: Regierungen sind die treibende Kraft, aber auch Unternehmen und Investoren sind in der Verantwortung. Und auch jede*r Einzelne spielt eine wichtige Rolle.

Machen wir uns also an die Arbeit und gehen wir die Energiewende gemeinsam entschlossen an…

 

 

 

 

Quellen:

Bild & Copyright:
Photo by Sander Weeteling on Unsplash
„Early morning windmill sunrise in the mist“

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